|
|
|
Sächsische Zeitung (Magazin/ Gesellschaft und soziales Leben ), 27.07.02 Bei dem fiept’s wohl Andreas Elmenthaler aus Dresden ist verrückt nach Mobiltelefonen. Er schwärmt von „Briketts“ und „Knochen“. Und träumt vom eigenen Handy-Museum. Christian Spahr Eigentlich müsste es bei Andreas Elmenthaler ständig piepen. Dass er ein bisschen verrückt ist, bestreitet er gar nicht. „Bei dem piept’s wohl“ – das ist für den 34-jährigen Wachmann keine Beleidigung, sondern beschreibt sein ungewöhnliches Hobby: Er sammelt Handys. So viele, dass er und seine Frau Andrea getrennte Wohnzimmer haben in ihrer Dresdner Neubauwohnung. Im Raum des Mannes liegen 450 Mobiltelefone von 1985 bis heute. Würden alle gemeinsam losklingeln, es wäre ein höllisches Gefiepe, das Spaziergänger im hundert Meter entfernten Großen Garten in Panik versetzen könnte. „Keine Angst, die Handys sind fast alle ausgeschaltet“, beruhigt Elmenthaler. Ohnehin funktionieren sie nur mit eingelegter Mobilfunkkarte, und davon hat der Sammler lediglich zwei. Wer einen flüchtigen Blick in sein 18-Quadratmeter-Zimmer wirft, sieht zunächst nichts Ungewöhnliches: ein schwarzes Ledersofa, einen Couchtisch mit Spitzendeckchen, eine Schrankwand aus hellem Holzfurnier-Imitat. Doch die hat es in sich: In offenen Fächern und hinter Glas drängeln sich Sammlerstücke. Meist schwarz und grau, aber auch schnelllebige Modefarben wie Gelb, Orange, Grasgrün und Aubergine sind dabei. In jeder freien Minute sucht er nach Schnäppchen Es begann vor zweieinhalb Jahren, als Andreas Elmenthalers erster Mobilfunk-Vertrag ablief: „Ich besorgte mir ein neues Handy, behielt mein altes und bekam von einem Freund ein drittes.“ Seitdem lässt ihn die Handy-Manie nicht los: „Jede freie Minute suche ich nach Schnäppchen“, sagt Elmenthaler, der sich auch gerne mit seinem Spitznamen „Elmi“ anreden lässt. „Zum Glück habe ich gerade Urlaub“, erzählt er. Wenn seine Nachbarn an die Ostsee reisen, sucht er im Internet nach billigen Gebraucht-Handys oder fährt zum Flohmarkt am Dresdner Elbufer: „Dort habe ich letzte Woche einen Communicator für 150 Euro bekommen“, berichtet er. Elmis sanfte Augen leuchten. Das Luxus-Handy, nach seinen Worten „eine Mischung von Mobiltelefon und Taschencomputer“, ist gewöhnlich drei Mal so teuer. Mit dem Gerät kann er unterwegs E-Mails lesen, sogar Faxe schicken. „Leider darf ich während der Arbeit nicht telefonieren.“ Nach der 12-Stunden-Schicht als Wachmann bleibt werktags kaum Zeit für die Handy-Jagd. Auf lange Kneipenabende verzichtet er, dem Hobby zuliebe. Doch von wegen „Handys“ – einige Exemplare in Elmis Sammlung lassen sich kaum als Handy bezeichnen: Sie passen in keine hohle Hand. „Mein ältestes Gerät ist das Siemens C1 von 1985“, sagt der Sammler und zeigt auf einen unförmigen schwarzen Kasten, so hoch und breit wie ein Leitz-Ordner, sechseinhalb Kilo schwer. „Deshalb spreche ich lieber von Mobiltelefonen als von Handys“, erklärt Elmenthaler. Das Siemens-Gerät funkte im analogen C-Netz, lange bevor mit den digitalen D- und E-Netzen das Funktelefon zum Massenschlager wurde. Schuhkartongroße Autotelefone, die vor zehn Jahren noch 10 000 Mark kosteten, werden Elmi heute für fünf Euro nachgeworfen. „Ich habe schon alle Standard-Geräte, nur noch ganz seltene fehlen“, berichtet er stolz vom Aufbau seines persönlichen Mobilfunk-Museums. Kein deutscher Sammler hat mehr Funktelefone Elmi kauft jeden Monat bis zu 20 Telefone, damit seine Sammlung rasch wächst. Auch gebrauchte Geräte gehen ins Geld: „In manchen Monaten gebe ich schon mal 400 Euro dafür aus.“ Es ist eine teure Leidenschaft. Um sie sich leisten zu können, beschränkt sich Elmenthaler bei seinen Gesprächen: „Ich telefoniere nicht viel. Meine Handy-Rechnung liegt immer zwischen 35 und 50 Euro.“ Dafür darf der Dresdner die wohl größte private Sammlung von Funktelefonen in Deutschland sein Eigen nennen. Von den 450 Exemplaren in seinem Wohnzimmer zählen etwa 360 zum Kernbestand der Sammlung. Keines gleicht dem anderen, jeder kleine Unterschied zählt: „Einmal gekauft, behalte ich sie für immer“, sagt Elmi. Die anderen 90 Handys sind Exemplare zum Tauschen. Es sind also bergeweise Handys, mit denen sich Andreas Elmenthaler nachts zudecken könnte – weder sein Gesicht noch seine Zehen würden herausragen. Allein 43 Nokias hat er, 46 Siemens-Geräte, 58 von Motorola. Doch am meisten Freude machen ihm die seltenen Stücke. Wer weiß schon, dass auch die HiFi-Firma Pioneer Handys baute? Oder der Computer-Hersteller Amstrad? Oder der Fernseh-Fabrikant Grundig? Elmi hat sie alle. Und erklärt am Beispiel eines Hagenuk-Handys von 1994, dass früher nicht alles schlecht war: „Das erste Mobiltelefon mit Spiel, interner Antenne und integriertem Anrufbeantworter. Man kann sogar die Farbe der Beleuchtung wählen, rot oder grün.“ Der Laie staunt: Das sind Funktionen, die auch acht Jahre später noch nicht selbstverständlich sind. Gewiss, früher waren die Handys deutlich größer. Andreas Elmenthaler kennt Spitznamen für die unhandlichen Taschentelefone der 90er Jahre: Das Hagenuk-Gerät nennt er „Brikett“, ein Modell von Motorola „Knochen“. Und er sagt, was ihn am meisten an Mobiltelefonen fasziniert: „Einfach beeindruckend, wie immer mehr Technik in immer kleinere Gehäuse passt.“ Einen Wermutstropfen findet Elmi trotzdem: „Durch immer mehr Funktionen werden die Geräte nicht gerade einfacher in der Bedienung. Die Hersteller sollten auch einfache Geräte für Laien im Programm haben.“ Das Experten-Wissen des Dresdners ist gefragt: Im Internet fachsimpelt er mit anderen Handy-Fans und unterhält ein „virtuelles Mobilfunk-Museum“. Dort können sich Durchschnittsmenschen, die nur alle zwei Jahre ein neues Handy kaufen, mit der Geschichte der drahtlosen Kommunikation vertraut machen. Doch der Sammler präsentiert im Internet nicht nur Bilder und Daten seiner Handy-Schätze, sondern hilft auch in der Not: Eine Bedienungsanleitung von 1993 oder 1997? Kein Problem, denn dank Elmis Übersicht geht nichts verloren. Er hebt die alten Broschüren in einer großen Holzkiste auf und stellt bei Bedarf Kopien ins Netz. Jeden Tag werden seine Internet-Seiten tausend Mal besucht, und nach Feierabend findet er im Schnitt 30 E-Mails in seinem Postfach. Seine Frau verweigert sich der Handy-Manie Sein Traum ist ein richtiges Handy-Museum. Nicht zu Hause oder im Netz, sondern in eigenen Ausstellungsräumen. Elmi holt tief Luft, wenn er davon spricht: „Diesen Traum will ich nicht aufgeben, aber ich muss dafür Sponsoren finden.“ Ein kostspieliges Vorhaben: Handy-Vitrinen aus Plexiglas kosten pro Stück 250 Euro, auch die Miete will bezahlt sein. Und nicht zu vergessen: Jedes Jahr erscheinen etliche Dutzend neue Funktelefone. Bis Elmi alle neuen Edel-Modelle von Nokia, Siemens und Samsung hat, wird es noch oft in seinem Leben fiepen. Ein Glück, dass seine Frau ihn nicht vom Handykaufen abhält – sie steht finanziell auf eigenen Füßen. Andrea Elmenthaler verweigert sich der Handy-Manie, besitzt bis heute kein Mobiltelefon. Das ist gut so, findet Elmi: „Am Ende müsste ich ihr eins abgeben.“
Das wird verwirrend, wenn’s klingelt. Andreas
Elmenthaler unter Teilen seiner Handy-Sammlung. |
|